Sprache, Ideologie und Kontext: Eine Einordnung der Bekenner-Schreiben der „Vulkangruppe(n)“
Am 3. Januar 2026 führte ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Südwesten Berlins zu einem großflächigen Stromausfall, der zeitweise rund 45.000 Haushalte und über 2.000 Betriebe betraf – der längste derartige Blackout in der Stadt seit 1945. Behörden gehen von vorsätzlicher Brandstiftung aus und die Generalbundesanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen.
Unmittelbar nach dem Anschlag erschien online ein Bekennerschreiben, in dem eine linksextremistische Gruppierung unter dem Namen „Vulkangruppe“ die Verantwortung für die Tat übernahm und sie ideologisch rechtfertigte; Sicherheitsexperten halten dieses Schreiben für authentisch. In den Tagen danach tauchten weitere Schreiben auf, teils mit bestärkenden, teils mit distanzierenden Aussagen zu den Taten und dem Namen „Vulkangruppe“.
In der Folge wurde teils mehr über die Bekennerschreiben als über die Tat selbst diskutiert. Die Debatte war von Beginn an von starken Zuschreibungen geprägt. Schnell wurde nach Herkunft, Täterschaft oder gar nach einer möglichen Inszenierung von außen gefragt. Sprachliche Spuren wurden dabei als Beweise oder Gegenbeweise für unterschiedlichste Theorien vorgebracht, Nutzer in den sozialen Medien haben ihre Theorien veröffentlicht und versucht, diese mit vermeintlichen Sprachspuren zu belegen. Eine sprachforensische Analyse setzt jedoch an einer anderen Stelle an: Sie fragt nicht zuerst wer, sondern wie gesprochen wird – und was sich daraus belastbar ableiten lässt.
1. Links-militante Ideologie als sprachliches Fundament
Sprachlich folgt der Text des ersten Bekennerschreibens konsequent einem links-militanten Diskurs. Zentrale Begriffe wie „imperiale Lebensweise“, „Herrschende“, „internationale Solidarität“ oder die Darstellung von Sabotage als „Notwehr“ entstammen einem klar umrissenen ideologischen Vokabular. Diese Begriffe werden nicht eingeführt oder erklärt, sondern als bekannt vorausgesetzt. Der Text richtet sich damit auch an ein Publikum, das diese Codes kennt und teilt. Vor allem aber scheint er von Personen zu stammen, die in diesem Stil zuhause sind. Auffällig ist dabei weniger die Radikalität der Positionen als ihre Selbstverständlichkeit. Obwohl auch an eine breitere Öffentlichkeit adressiert werden soll – etwa durch Entschuldigungen oder Solidaritätsaufrufe –, bleibt der Duktus milieuintern. Gewalt gegen Infrastruktur wird entkriminalisiert, moralisch aufgewertet und politisch legitimiert. Diese Argumentationslogik ist aus links-militanten Aktionsformen seit den 1970er Jahren bekannt.
2. Warum die Sprache eher gegen die False-Flag-These spricht
Gerade diese Diskurssicherheit spricht gegen die These einer einfachen Imitation oder False-Flag-Operation. Der Text grenzt sich nicht nur von „den Reichen“ oder „den Herrschenden“ ab, sondern ausdrücklich auch von Parteien, selbst von „den Grünen oder den Linken“. Diese Form der Binnenkritik ist typisch für außerparlamentarische Milieus, die sich bewusst nicht vereinnahmen lassen wollen. Zwar ist die thematische Breite hoch – Klima, Kapitalismus, Digitalisierung, Patriarchat, Migration – und der Text wirkt stellenweise sprunghaft. Klassische Warnsignale einer Inszenierung fehlen jedoch: keine karikierende Überzeichnung, keine falschen Schwerpunkte, keine Brüche im Ton. Die Sprache wirkt nicht wie ein aufgesetztes Kostüm, sondern wie Alltagssprache innerhalb eines radikalisierten politischen Milieus. Hinzu kommen wiederholte Entschuldigungen, ausdrücklich formuliertes Bedauern gegenüber unbeteiligten Betroffenen und Aufrufe zu Solidarität. Für eine gezielte Irreführung wären diese Passagen nicht notwendig, eher sogar kontraproduktiv, da sie eine klare Täter-Opfer-Zuschreibung verwässern. Gerade diese kommunikative Offenheit spricht eher für innere Kohärenz als für kalkulierte Täuschung.
3. „Vulkangruppen“ statt „Vulkangruppe“: Name ohne Organisation
Ein zentraler Punkt betrifft bereits die Bezeichnung der Gruppe selbst. Der Name „Vulkangruppe“ taucht zwar konstant in allen Bekenner- und Distanzierungsschreiben auf, bezeichnet jedoch keine klar abgegrenzte, organisatorisch verfasste Einheit. Weder aus den Texten noch aus dem bekannten Kontext lässt sich auf eine feste Struktur, Hierarchie oder Mitgliedschaft schließen. Im Gegenteil: Die Distanzierung der letzten Schreiben untereinander lässt sichtbar werden, wie fragmentiert die Gruppen sind.
Entsprechend sprechen auch Sicherheitsbehörden von „Vulkangruppen“ im Plural, um der tatsächlichen Lage Rechnung zu tragen. Diese Sprachwahl verweist auf ein loses, fragmentiertes Umfeld, in dem unterschiedliche Akteure unabhängig voneinander handeln, teils zeitgleich, teils zeitversetzt, unter demselben oder einem ähnlichen Namen. Solche Konstellationen sind im links-militanten Milieu nicht ungewöhnlich. Splittergruppen, temporäre Zusammenschlüsse und parallel agierende Kleingruppen gehören dort eher zur Regel als zur Ausnahme.
4. Öffentliche Debatte und Social-Media-Dynamiken: Wenn linguistische Analyse der eigenen Bestätigung dient
Parallel zur fachlichen Einordnung hat sich in sozialen Netzwerken wie X oder Threads eine stark vereinfachende Debatte entwickelt. Einzelne Nutzer verbreiten dort Deutungen der Bekennerschreiben, oft jedoch ohne sorgfältige Lektüre der Texte oder Kenntnis des ideologischen und historischen Kontexts. Ein Beispiel:
Die angebliche „Distanzierung“ der Vulkangruppe
Besonders häufig wird auf die Distanzierung der „ursprünglichen“ Vulkangruppe als Beleg für die False-Flag-Hypothese verwiesen. Tatsächlich hat sich eine Gruppierung davon distanziert, dass ihr Name für aktuelle – und teilweise auch frühere – Anschläge verwendet wird. Diese Distanzierung wird in der öffentlichen Diskussion jedoch vielfach fehlgedeutet. Sie ist keine Distanzierung vom links-militanten Handeln an sich und erst recht kein Beleg dafür, dass die aktuellen Taten nicht aus dem linken Milieu stammen oder von „ausländischen Akteuren“ gesteuert seien. Vielmehr verweist sie auf einen seit Jahren bekannten Umstand: Der Name „Vulkangruppe“ wird nicht von einer einzigen, klar abgegrenzten Organisation verwendet, sondern seit längerer Zeit von unterschiedlichen Akteuren, Gruppierungen oder Zusammenhängen. Gerade diese Offenheit des Namens erklärt, warum sich die Ursprungsgruppe davon distanzieren kann, ohne damit die politische Einordnung der Taten grundsätzlich in Frage zu stellen. Eine solche Distanzierung ist somit kein Argument für eine False-Flag-Hypothese, sondern ein typisches Phänomen einer fragmentierten, wenig formal organisierten Szene.
Social-Media-Bubbles und Bestätigungslogik
Hinzu kommen bekannte Dynamiken sozialer Medien. In vielen Online-Beiträgen geht es weniger um das Verstehen des Textes als um die Bestätigung der eigenen Theorie. Einzelne Formulierungen und vermeintliche sprachliche Besonderheiten werden herausgegriffen, zugespitzt und aus dem Zusammenhang gerissen. Andere Passagen, die nicht ins eigene Narrativ passen, bleiben unbeachtet. Dieses Vorgehen folgt einem bekannten Muster: Übertreibung, gegenseitige Verstärkung innerhalb der eigenen Bubble und das wiederholte Zitieren von Sekundärmeinungen, ohne die Originaltexte genau zu durchdringen.
Beispielsweise wird die falsche Schreibweise von Eigennamen wie „Giffay“ statt „Giffey“ als Beleg für einen russischen Ursprung der Texte genommen und dies durch die Ableitung aus der kyrillischen Schrift argumentiert. Dieser – grundsätzlich beachtenswerte – Befund wird aber nicht sauber eingeordnet und Alternativerklärungen gar nicht erst diskutiert. Man müsste dann etwa anerkennen, dass Russisch nicht die einzige Sprache mit kyrillischer Schrift ist.
Dieses Beispiel zeigt, wie Einzelbefunde überinterpretiert und verengt werden, um das eigene Narrativ zu bestätigen. Sprachliche Analyse wird so zum Scheinbeleg für die eigene These. Aus Indizien werden Gewissheiten, aus offenen Fragen scheinbare Beweise. Gerade hier zeigt sich der Mehrwert einer nüchternen Analyse. Sie bremst vorschnelle Schlüsse und erinnert daran, dass Texte als Ganzes gelesen werden müssen – in ihrer Sprache, ihrer Ideologie und ihrem Kontext.
5. Fazit
Entscheidend ist nicht ein einzelnes sprachliches Detail, sondern das Gesamtbild. Sprache liefert wichtige Hinweise, sie ist jedoch nur ein Faktor unter mehreren. Erst im Zusammenspiel mit Kontext, Tatablauf, Ort, ideologischem Rahmen und bekannten Mustern ähnlicher Aktionen entsteht eine belastbare Einordnung. Wer Sprache isoliert überhöht, läuft Gefahr, aus Indizien Gewissheiten zu machen. Seriöse Analyse bedeutet, sprachliche Befunde einzuordnen – nicht, sie zu überfrachten. Und in Summe muss man Stand jetzt anerkennen, dass rein sprachlich mehr für die Authentizität der Bekennerschreiben als gegen sie spricht.
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